SPIRITUELLES LAUFEN Die Seite für bewegte Christen
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 Raum 3:
Fragen und Antworten zu Leben und Werk



Warum ist es auch heute noch spannend, sich mit Kierkegaard zu beschäftigen?


Kein Denker vor ihm und nur wenige nach ihm haben sich so intensiv mit den Grundfragen menschlicher Existenz auseinandergesetzt. Was ist der Sinn des Lebens? Wie finde ich meine Identität? Woher kommen Angst und Verzweiflung? Kierkegaards Überlegungen dazu sind unverändert aktuell.


Was war Kierkegaard eigentlich genau – Philosoph, Dandy, Dichter oder Theologe?


Kierkegaard hat sich selbst immer als „religiösen Schriftsteller“ verstanden. Aber das hinderte weder Zeitgenossen noch Nachwelt daran, ihn ganz anders einzuordnen. Zu seinen Lebzeiten war er als Dandy in der Kopenhagener Gesellschaft bekannt und wurde von der Kulturszene als Dichter geschätzt. Seine Impulse nahmen als erste die Schriftsteller auf, dann die Philosophen und die Theologen. Heute würde man wohl sagen, dass seine Verdienste für die Philosophie und die Theologie am größten sind.


Muss man religiös sein, um Kierkegaard schätzen zu lernen?


Interessanterweise hat Kierkegaard die nachhaltigste Wirkung auf eine insgesamt eher atheistische philosophische Richtung ausgeübt: den Existenzialismus, der ohne den Dänen gar nicht denkbar wäre. Karl Jaspers, Martin Heidegger, Jean-Paul Sartre, Albert Camus – sie alle haben wesentliche Argumentationen und Einsichten von Kierkegaard übernommen. Dennoch wird man seinem Gesamtwerk nur gerecht, wenn man es aus christlicher Perspektive betrachtet. Die Existenzialisten haben das Denken Kierkegaards gewissermaßen um die Pointe gebracht, denn alle seine Überlegungen kreisen letztlich um die Frage: Wie wird man wahrer Christ?


Und was ist seine Antwort?


Indem man sich in freier Wahl als Geschöpf Gottes begreift, den Willen Gottes zu seinem Lebensentwurf macht und in Gleichzeitigkeit mit Jesus lebt. Das ist in dieser Form natürlich hochverdichtet, und Kierkegaard braucht viele Bücher, um diese Quintessenz herzuleiten. Das Besondere dabei ist aber, dass er seine Argumentation ohne jede religiöse Voraussetzung beginnt, in rational nachvollziehbaren Schritten den menschlichen Verstand bis an seine äußerste Grenze erkundet und ganz genau die Stelle lokalisiert, an der man zum Glauben springen muss. Das ist so faszinierend, dass die Kierkegaard-Lektüre schon viele suchende Atheisten zu glühenden Christen gemacht hat – zum Beispiel Dorothee Sölle und Eugen Drewermann (siehe Raum 2: Zitate).


Was heißt denn „in Gleichzeitigkeit mit Jesus leben“?


Kierkegaard polemisiert gegen die Christen, die Jesus von Nazaret aus der gesicherten historischen Distanz betrachten und bewundern. Das Unerhörte, Skandalöse, Revolutionäre an Jesu Wirken erschließt sich nur dem, der seine Botschaft in die Gegenwart überträgt und danach lebt. Gleichzeitigkeit bedeutet beispielsweise, seinen Reichtum wirklich unter den Armen zu verteilen – und den entsprechenden Rat Jesu an den „reichen Jüngling“ nicht nur im übertragenen Sinn zu verstehen. Gleichzeitigkeit bedeutet, zu freiwilligem Leid für sein Bekenntnis zu Gott bereit zu sein. Gleichzeitigkeit bedeutet zu lieben, ohne Gegenliebe zu erwarten.


War Kierkegaard ein Kirchgänger?


Er wurde von seinem Vater zwar streng pietistisch erzogen, entwickelte im Lauf seines Lebens aber ein immer distanzierteres Verhältnis zur lutherischen dänischen Staatskirche. Sein letztes Lebensjahr war erfüllt von einem erbitterten Kampf gegen die Kirche und ihre Repräsentanten, weil er sie für verlogen und falsch hielt.


Ist seine Kirchenkritik immer noch aktuell?


Sie ist insofern aktuell, als sie helfen kann, beliebige spirituelle Erfahrungen vom Christentum abzugrenzen. Kierkegaard hat so scharf wie kaum ein Theologe den, wie man heute sagen würde, „USP“ des Christentums herausgearbeitet, das Paradox des menschgewordenen Gottes. In einer Zeit, wo beide große Kirchen ihren Mitgliedern hinterherlaufen, sind seine Überlegungen eine gute Richtschnur: Was ist eigentlich unsere „Kernkompetenz“?


Und was ist sie?


Menschen, die im oben genannten Sinn ihre Existenz mit Gott und Jesus verbinden, immer wieder aufs Neue zu erbauen. Die „erbauliche Rede“ ist eine Erfindung Kierkegaards und hat nichts mit der oberflächlichen Bedeutung zu tun. „Bauen“ heißt für ihn „von Grund auf neu bauen“. Eine solcherart erbauliche Rede erschüttert ihre Zuhörer also zunächst einmal so grundlegend, dass kein Stein auf dem anderen bleibt, und baut dann mit göttlichem Trost neu auf.


Hat Kierkegaard auch gepredigt?


Er hat es versucht. Aber seine Reden waren zu weit weg von dem, was die Menschen erwarteten, und seine Stimme war zu dünn. Mehrmals erwog er eine Pfarrstelle – die Qualifikationen dazu hatte er –, verwarf diese Idee aber wieder und widmete sich ganz dem Schreiben. Parallel zu seinen großen literarischen und theoretischen Werken veröffentlichte er etwa 80 „erbauliche Reden“, die aber in den seltensten Fällen auch als solche vorgetragen wurden.


Konnte Kierkegaard von seinen Veröffentlichungen leben?


Nein, der einzige wirtschaftliche Erfolg war sein erstes großes Werk „Entweder – Oder“, das sich ungefähr 500 Mal zu einem horrenden Preis verkaufte. Bei den übrigen Veröffentlichungen hat Kierkegaard kaum mehr erlöst, als er für die Herstellung ausgeben musste. Er lebte hauptsächlich vom Erbe seines vermögenden, 1838 verstorbenen Vaters. Das Geld reichte gerade aus, um seinen letzten Krankenhausaufenthalt und die Beerdigung zu bezahlen.


War Kierkegaard verheiratet?


Nein, er war nur ein Jahr lang verlobt. Allerdings war diese zeitweilige Verlobte die Liebe seines Lebens: Regine Olsen. Er lernte sie 1837 kennen – er war 24, sie 15 – und hielt drei Jahre später um ihre Hand an. Kurz darauf erkannte er aber, dass sich sein Lebensentwurf eines Schriftstellers nicht mit dem eines Familienvaters deckt. Also löste er die Verlobung selbst auf, zunächst unter dem Vorwand, unter unzumutbaren Depressionen zu leiden. Als Regine so schnell nicht vom ihm lassen wollte, verhielt er sich gemein, um ihr die Trennung leichter zu machen. Tatsächlich fand Regine bald danach wieder einen neuen Mann, Kierkegaard aber hängte zeit seines Lebens dieser ersten und einzigen Liebe nach.


Warum starb er so früh?


Er litt an einer fortschreitenden Lähmung des Rückenmarks, einer heute so genannten "akuten inflammatorischen dymyelinisierenden Polyneuropathie". Heute ist diese Krankheit gut zu diagnostizieren und zu heilen. Damals war sie unbekannt.


Was macht die Lektüre von Kierkegaards Schriften so schwer verständlich?

 

Zum einen, weil er sich in seinen wichtigsten Werken hinter pseudonymen Kunstfiguren versteckt, die einen bestimmten Standpunkt vertreten und den Kierkegaard mit dieser Konstruktion argumentativ austesten will. Man weiß also nie ganz sicher: Meint er das jetzt wirklich oder ist das nur ein Gedankenexperiment?


Zum zweiten entwickelt Kierkegaard seine Positionen häufig in der Auseinandersetzung mit Georg Friedrich Hegel, der nicht gerade zu den am einfachsten verständlichen Philosophen gehört.

 

Und zum dritten hat Kierkegaard große Freude an paradoxen, sprachlich aufs Äußerste zugespitzten Gedankengängen. Aber genau das macht auch den Spaß der Lektüre seiner Schriften aus. Wenn man ihn dann endlich verstanden hat ...


Wie nähert man sich Kierkegaards Denken am einfachsten?


Die aus meiner Sicht besten Bücher von und über Kierkegaard habe ich in dem Lektüre-Guide in Raum 4 zusammengestellt.


Aktuelles

Workshop „spirituelles Laufen“

auf dem 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin am 26. Mai 2017 von 13:30 bis 15 Uhr in der Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche (Hansaviertel/Tiergarten)

 

42 Fragen

von Achim Achilles an mich zum Thema (spirituelles) Laufen auf Spiegel Online.

 

Praktische Arbeitshilfe

Burkhard Knipping, verantwortlich für die Männerpastoral im Erzbistum Köln, hat eine kompakte und kostenlose Arbeitshilfe zum spirituellen Laufen zusammengestellt. Download hier.

 

ZEIT-Reportage 

Hier geht's zu einer Story in der ZEIT vom 30. April 2014 über das spirituelle Laufen.

 

Bibel-TV-Interview

Ein 25-minütiges Gespräch über das gleiche Thema mit Wolfgang Severin von Anfang 2015 finden Sie hier.

 

Lesetipps

Mein Portrait des Kirchenkritikers
Sören Kierkegaard
ist im W
ichern-Verlag erschienen.

Mehr Infos in der Webausstellung

 

Vom Skeptiker zum Christen in 42 Schritten - das beschreibt mein (leider nur noch antiquarisch erhältliches) Buch

»Marathon zu Gott«.

Mehr Infos

Herrnhuter Tageslosung

Gott, der du uns viel Angst und Not hast erfahren lassen, du wirst uns wieder beleben. (Psalm 71,20)
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