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Spiritueller Laufblog – Beiträge von Februar bis August 2011

»Stern«-Titel von heute: Warum sind wir so fett?

Vorbild Abraham
25. August 2011
Hamburg, Außenalster
Ruhiger Dauerlauf
7,5 km, 40 min

Der »Stern«-Titel von heute verspricht eine Erklärung für ein in der Tat skandalöses Phänomen: »Warum die Deutschen immer dicker werden  – und wer daran schuld ist«. Skandalös ist das deshalb, weil es inzwischen mehr Menschen auf der Welt gibt, die übergewichtig sind, als solche, die dauerhaft zu wenig zu essen haben. Leider liegt das nicht daran, dass der Hunger besiegt wäre. Im Gegenteil: Nach Schätzungen der Welthungerhilfe wird derzeit jedem siebten Menschen das Recht auf ausreichende Nahrung verwehrt.

Der »Stern«-Artikel löst sein Versprechen aber nicht ein. Einseitig konzentriert er sich auf unser Ernährungsverhalten und auf die Tricks der Nahrungsmittelanbieter. Das sind wichtige Faktoren für die Verfettung unserer Gesellschaft, keine Frage, aber der wichtigste wird von dem Artikel kaum behandelt: die mangelnde Bewegung. Statt lange zu erörtern, wie Dickmacher schon auf der Verpackung abschreckend gekennzeichnet werden könnten, sollte man auf ein ganz einfaches Faktum hinweisen: Unser Körper ist dafür konzipiert, ständig aktiv zu sein, gefordert zu werden, Strecken zurückzulegen und Lasten zu tragen. Dann setzt er weder Fett noch Kalk an.

Unseren täglichen Weg zeig uns heute: 20 km bei Abraham, 800 m bei uns Heutigen

Selbst hier hilft ein Blick in die Bibel: Abraham zog während seines Lebens vom heutigen Irak in die Südtürkei, dann nach Israel, von dort nach Ägypten und schließlich zurück nach Israel – insgesamt weit über 1000 Kilometer. Das Volk Israel war 40 Jahre in Bewegung, Jesus hatte überhaupt keinen festen Wohnsitz, und die Missionare des Neuen Testaments überwanden unvorstellbare Distanzen – viel davon zu Fuß. Und heute? Unser durchschnittlicher Aktionsradius beträgt gerade mal 800 Meter! Dabei sind wir mit Abraham zu 99,99 Prozent genetisch identisch.

Es müssen übrigens nicht gleich 20 Kilometer täglich sein – nach Expertenmeinung reichen 2000 durch zusätzliche Bewegung verbrannte Kilokalorien pro Woche, um die Lebenserwartung um sieben Jahre zu steigern. Mehr Lebensverlängerung ist über Sport nicht drin. Wer noch länger leben will, sollte einmal pro Woche in den Gottesdienst gehen. Das verlängere das Leben ebenfalls um sieben Jahre, meint Prof. Harold Koenig vom Cener for Spirituality, Theology and Health an der Duke University von North Carolina. Allerdings macht es nicht dünner – und den US-amerikanischen Christen traue ich nicht ganz. Da halte ich mich lieber an Paulus und zelebriere meinen Gottesdienst sportlich:


»… wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? … darum preist Gott mit eurem Leibe« (1. Korinther 6,19f.).

 


Cabertas neues Schwarzbuch Esoterik

Heil gegen Geld

15. August

St. Peter-Ording

Ruhiger Dauerlauf

11 km, 50 min

 

Einiges Aufsehen erregte in den letzten Tagen das vor Kurzem im Gütersloher Verlagshaus erschienene »Schwarzbuch Esoterik« der Hamburger Sektenbeauftragten Ursula Caberta. Sie warnt darin vor diversen Spielarten esoterischer Geldmacherei, die sich – oft mit prominenten Aushängeschildern – die Leichtgläubigkeit und die geistige Orientierungslosigkeit vieler Menschen zunutze machen. Mir gefällt daran, dass Caberta gerade nicht die mangelnde Rationalität, sondern die Geschäftemacherei solcher Ideologien anprangert. So hat sie in den 90-er Jahren auch schon in Hamburg eine recht erfolgreiche Kampagne gegen Scientology geführt: Nicht die Lehre der Sekte, sondern die finanzielle Ausbeutung ihrer Anhänger war das Ziel ihrer Angriffe.

 

Wer nur darauf setzt, dass esoterische Heilsversprechen sich durch den so genannten »gesunden Menschenverstand« widerlegen lassen, verkennt, dass sie oft gerade unter dem Deckmantel einer Zweck-Mittel-Rationalität daherkommen: Wenn du dieses geweihte Wässerchen kaufst, dann hast du Anteil an seiner segensreichen Wirkung. Der Unterschied zwischen wahrer Spiritualität und der Ware Spiritualität besteht darin, dass erste gar nichts verspricht, sondern als eine gabenlose Gnade empfunden wird. Das boomende Geschäft mit der geistigen Erleuchtung erinnert uns daran, dass die wirkungsmächtigste Religion die des Geldes ist. Leider erkennt man das so schlecht, weil der Gebrauch des Geldes genau jene Abstraktionen voraussetzt, die uns heute als rationale Standards gelten. Geld bezieht seinen Wert daraus, dass alle daran glauben. Die weltweite Schuldenkrise nährt langsam, aber beständig Zweifel an dieser erfolgreichsten Illusion aller Zeiten. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

 

Schöpfung pur: Salzwiesenlauf in St. Peter-Ording

Meer erleben

10. August 2011

St. Peter-Ording

Langsamer Dauerlauf

5 km, 40 min

 

Kein Tag für Sonnenscheinläufer. Es stürmt, es regnet immer wieder und es ist für die Jahreszeit viel zu kühl. Und trotzdem sammelt sich am Südstrand von St. Peter-Ording ein Grüppchen entschlossener Läufer. Im Rahmen der Theologischen Sommerakademie der evangelischen Gemeinde habe ich zu einem spirituellen Lauf durch die Salzwiesen eingeladen. Es kommen erfahrene Läufer und Laufanfänger, junge und alte, der katholische Pastoralreferent und die evangelische Pastorin des Ferienorts. Am Vorabend hatte ich in einem Vortrag die Theorie und Praxis des spirituellen Laufens vorgestellt, nun sollte es um die Praxis gehen. Die Strecke ist nur wenigen bekannt, dabei ist sie die schönste Route hier auf Eiderstedt. Natur soweit das Auge reicht. Ein sanft federnder, grasbewachsener Pfad. Wir staunen, wie viele unterschiedliche Pflanzen auf dem salzigen, immer wieder überspülten Boden gedeihen. Die Luft riecht so frisch wie man es nur am Meer erleben kann. Die Herrnhuter Losung des Tages passt genau: »Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser« (Jes 55,1). Wir hängen unseren Gedanken nach, kommen langsam ins Gespräch. »Ich habe heute mit Leuten geredet, die ich schon lange kenne, mit denen ich aber noch nie mehr als zwei Worte gewechselt habe«, sagt die Pastorin hinterher. Der Himmel meint es gut mit uns, bis wir wieder am Parkplatz sind. Dann setzt ein heftiger Schauer ein. Eine Teilnehmerin, die kürzlich den Jakobsweg gepilgert ist, sagt: »Heute habe ich das Laufen für mich entdeckt.« 

 

Gott gönnt sich einen Tag Urlaub. Holzstich von Julius Schnorr von Carolsfeld. Quelle: Wikipedia

Ruhe finden

1. August 2011

Hamburg-Elbufer

Ruhiger Dauerlauf

15 km, 1:10 h

 

Alle Zeichen stehen auf Erholung. Ganz Deutschland hat Schulferien, für die Moslems beginnt heute der Ramadan, und im neuen »Chrismon« lese ich einen anregenden Hinweis von Kathrin Göring-Eckhart für den bevorstehenden Urlaub. Sie erinnert an ein Kapitel aus dem 2. Buch Samuel, in dem es um König David geht:

 

»Als nun der König in seinem Hause saß und der HERR ihm Ruhe gegeben hatte vor allen seinen Feinden umher, … (da sprach) Nathan zu dem König: Wohlan, alles, was in deinem Herzen ist, das tu, denn der HERR ist mit dir« (2 Sam 7,1.3).


Die Ruhe, die wir uns nach biblischer Empfehlung genauso wie Gott am siebten Tag gönnen sollen, dient also dazu, dass wir uns auf das besinnen, was neben unseren Alltagspflichten sonst noch in unserem Herzen ist und gepflegt werden möchte. Das können Menschen sein, um die wir uns nun mehr kümmern, aber auch Talente, die wir stärker nutzen wollen.

Das Problem ist nur, dass wir auch im Urlaub so schwer Ruhe finden. Das völlige Loslassen fällt uns schwer, weil gleichzeitig die Geschäfte weitergehen und wir in Gemeinschaften eingebunden sind, wo die Arbeit weitergeht. Dass man nicht ganz zur Ruhe kommen kann, wenn man weiterhin Verpflichtungen hat, spiegeln auch die Sabbatjahr-Bestimmungen im biblischen Pentateuch wider. Heißt es im ältesten Gesetz, dem so genannten »Bundesbuch«, »sechs Jahre sollst du dein Land besäen und seine Früchte einsammeln, aber im siebenten Jahr sollst du es ruhen und liegen lassen« (Ex 23,10f.), wird das Sabbatjahr im darauf folgenden deuteronomischen Gesetz auch auf Schulden- und Sklavenverhältnisse ausgeweitet:


»Alle sieben Jahre sollst du ein Erlassjahr halten. So aber soll's zugehen mit dem Erlassjahr: Wenn einer seinem Nächsten etwas geborgt hat, der soll's ihm erlassen und soll's nicht eintreiben von seinem Nächsten … Wenn sich dein Bruder … dir verkauft, so soll er dir sechs Jahre dienen; im siebenten Jahr sollst du ihn als frei entlassen« (Dtn 15,1.12).


Leider hat sich diese vollkommene Auflösung aller Schuldbeziehungen zum Zwecke eines ungestörten Ruhejahres nicht lange gehalten. Im jüngsten Gesetz für das Volk Israel, dem Gesetz der Priesterschrift, wird ein Erlassjahr erst nach sieben Sabbatjahren gefeiert (Lev 25,10.54). Es scheint ein weiter Weg zu sein bis zur der Vision des Propheten Jesaja:


»Nun hat Ruhe und Frieden alle Welt und jubelt fröhlich« (Jes 14,7).




Trauernde beim Gottedienst in Oslo am gestrigen Sonntag. Foto: Reuters

Lehren aus Oslo

25. Juli 2011

St. Peter-Ording

Langsamer Dauerlauf

14 km, 1:15 min

 

Tausende von Trauernden fanden sich gestern zum Gottesdienst im und vor dem Osloer Dom zusammen, um nach dem Massaker vom Freitagnachmittag der Opfer zu gedenken und um ihre Fassungslosigkeit mit anderen und mit Gott zu teilen. Sie taten dies, obwohl sie wussten, dass Gott ihnen keine Antwort auf ihre drängendste Frage geben wird: Warum? – Ein bewegender Moment.

Erschreckend dagegen viele Online-Kommentare und Foren-Beiträge, in denen von Gott eine Antwort geradezu gefordert wird bzw. aus dem Ausbleiben einer Antwort auf seine Nicht-Existenz geschlossen wird. Was wird hier von einem Gott erwartet, der Auschwitz nicht verhinderte und auch nicht eingriff, als die Menschen den Messias ans Kreuz schlugen?

Nur wenn wir Menschen in vollkommener, durch nichts eingeschränkter Freiheit handeln können, sind wir auch zu vollständiger Verantwortung fähig – und zu wahrer Liebe. Das ist es, was Gott von uns erwartet. Ist das angesichts des Leids nicht ein bisschen wenig? Nein, die Kirchgänger von Oslo wussten: Gott ist mit den Leidenden, er spendet Trost durch seine fühlbare Gegenwart und das Versprechen, auf jeden Karfreitag einen Ostersonntag folgen zu lassen. Terror und Gewalt, Schmerz und Leid haben nicht das letzte Wort.

Trotz der Sinnlosigkeit des Verbrechens bleibt uns die Aufgabe, Lehren daraus zu ziehen. So fleißig, wie der Attentäter das Material für seinen Sprengstoff sammelte, so eifrig klaubte er für sein Pamphlet »2083« alle Argumentationen zusammen, die man als Angriffe auf die offene Gesellschaft verstehen muss oder missverstehen kann. Offenbar eine krude Mischung aus Templer-Legenden, rechtsradikalen Blogbeiträgen, gewürzt mit Polemiken über Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno, gespickt mit Zitaten von rechtschaffenen Wissenschaftler oder Publizisten wie Willie Thompson, John Foran und Henryk M. Broder. Das kann uns eine Mahnung sein, der Intoleranz noch nicht mal im Ansatz ein Argument, einen Satzfetzen zuzugestehen. Wie sehr unsere Meinungsbildung in Klischees verhaftet ist, zeigten am Freitagnachmittag die allerersten Reaktionen auf den Anschlag, als die so genannten Terrorismusexperten unisono einen islamistischen Anschlag vermuteten.

Abimelechs schmähliches Ende (Gustave Doré). Quelle: Wikipedia

Das meines Wissens schlimmste von einer Einzelperson verübte Massaker, von dem die Bibel berichtet (Richter 9), ist die Ermordung der 70 Oligarchen von Sichem durch Abimelech, der sich dadurch den Weg zum ersten Königtum über Israel erstreiten wollte. Seine skrupellose Herrschsucht wird mit einem für die damalige Vorstellungswelt äußerst schmählichem Ende bestraft: Er verunglückt durch einen Mühlstein, dem ihm eine Frau auf den Schädel wirft.

Bereiten wir Anders Behring Breiviks narzisstischer und nazistischer Propaganda ein ebenso schmähliches Ende: Achten wir mehr denn je darauf, dass Intoleranz, Vorurteile und Fremdenhass nicht den Hauch einer Verbreitungschance bekommen.




Ölgemälde »Mariya Magdalena« von Anthony Frederick Augustus Sandys. Quelle: Wikipedia

Die herausragende Jüngerin

20. Juli 2011
Hamburg-Othmarschen
Ruhiger Dauerlauf
11 km, 55 min

Die Katholiken gedenken am Freitag der »heiligen« Maria Magadalena – einer der wenigen in den Evangelien namentlich benannten Nachfolgerinnen Jesu, die zudem für seinen Unterhalt sorgte (Lk 8,2f.), als Letzte am Kreuz bei ihm blieb (Mt 27,56), bei der Grablegung half (Mt 27,61) und als Erste den Auferstandenen sah (Mk 16,9, Joh 20,14). Für eine zutiefst patriarchalisch geprägte Gesellschaft, in der Frauen vom öffentlichen Leben komplett ausgeschlossen waren, mussten bereits diese wenigen Erwähnungen von Maria Magdalena in den Evangelien eine ungeheure Provokation sein. Dass man nach heutigen Maßstäben Maria als Jüngerin bezeichnen muss, wie es im 3 Jahrhundert schon Hippolyt von Rom getan hat (»apostula apostulorum«), dürfte unstrittig sein.

Übrigens ist diese Bewertung Marias als herausragende Jüngerin auch im Johannes-Evangelium bereits angelegt. Das zeigt ein Vergleich der Textstelle, in denen die Erscheinung des Auferstandenen vor Maria beschrieben wird (Joh 20,11-18), mit der Berufung der ersten Jünger nach Joh 1,35-42 – zufälligerweise auch der Predigttext für die evangelischen Gottesdienste am kommenden Sonntag, dem fünften nach Trinitatis. In beiden Szenen fragt Jesus »Was sucht ihr?« bzw. »Wen suchst du?«, worauf ihn die Suchenden gleichlautend auf Aramäisch mit »Rabbi« – Meister, Lehrer – anreden. Beide Szenen enden mit einem eschatologischen Ausblick: »Ich gehe hinaus zu meinem Vater und zu eurem Vater« (Joh 20,17) bzw. »Ihr werdet den Himmel offen sehen« (Joh 1,51).


Yvonne Elliman – Webbers »Mary Magdalene«. Foto: yvonneelliman.com

Über diesen biblischen Befund hinaus hat Maria Magdalena die Fantasie zahlreicher mehr oder weniger fachkundiger Exegeten angeregt. Die Spekulationen reichen von der Gleichsetzung Marias mit der »großen Sünderin« aus Lk 7,36-50 (Papst Gregor I.) über etliche Ausgestaltungen einer Liebschaft zwischen Jesus und Maria (zum Beispiel Regina Berlinghof: Mirjam, 1995) bis hin zu der These, Maria sei mit Jesus verheiratet gewesen (Henry Lincoln, Michael Baigent und Richard Leigh: The Holy Blood and the Holy Grail, 1982). Man mag das pietätlos finden, man kann darin aber auch eine sehr menschliche Sehnsucht nach dem Verstehen göttlicher Liebe erkennnen. Solche boulvardesken Ausschmückungen mögen nicht der reinen christlichen Lehre entsprechen, aber sie bringen mitunter Kunstwerke hervor, die auch für Atheisten ein Fenster zu transzendenten Kraft der Liebe öffnen. Ich denke dabei an das wunderschöne Liebeslied »I don't know how to love him« aus Andrew Lloyd Webbers Musical »Jesus Christ Superstar« von 1971, gesungen von Yvonne Elliman:

Tiere und Menschen in Not: Dürrekatastrophe in Ostafrika. Foto: DRK

Lazarus und die reiche Frau

14. Juli 2011

Hamburg-Ottensen

Langsamer Dauerlauf

10 km, 55 min

 

Die Erzählung vom reichen Mann und dem armen Lazarus aus dem Lukas-Evangelium (Lk 16,19-31) habe ich bislang nie richtig verstanden. Mir schien der reiche Mann, der zu Lebzeiten dem armen Lazarus vor seinem Haus nicht mehr als ein paar Essensreste zukommen ließ, immer unangemessen hoch bestraft zu sein. Er muss nicht nur für alle Ewigkeit in den Flammen der Hölle schmoren, ihm wird sogar eine leichte Kühlung seiner Zunge verwehrt.

 

Seit dieser Woche verstehe ich die Geschichte besser. In Ostafrika wütet gerade die größte Hungersnot seit 60 Jahren. Rund zwölf Millionen Menschen in Somalia, Kenia, Äthiopien und Dschibuti sind nach der großen Dürre in diesem Jahr vom Tod bedroht. Die Viehzucht am Horn von Afrika ist praktisch ausgestorben – die Kühe, Schafe und Ziegen sind entweder tot, krank oder dürr. Wegen der explodierten Getreidepreise fällt es den Spendenorganisationen immer schwerer, helfend einzugreifen. Die Flüchtlingslager in Kenia und Äthiopien sind überfüllt und überfordert. Im weltgrößten Camp im kenianischen Dadaab, gebaut für 90 000 Flüchtlinge, leben derzeit 380 000 Menschen. Das Famine Early Warning Systems Network prognostiziert für die nächsten Monate eine weitere Verschlimmerung der Katastrophe. (Weitere Hintergründe hier.)

 

Soweit die Situation des Lazarus. Was macht der reiche Mann?

 

Er kümmert sich um wirklich wichtige Themen. Er schaut gestern Abend Frank Plasbergs »Hart, aber fair« mit dem Motto »Euro retten und Steuern senken – ist Deutschland dafür stark genug?« oder heute Abend »Wer rettet unser Geld?« bei Maybrit Illner und freut sich im Übrigen auf seinen Sommerurlaub. Probleme hat er allerdings auch ein paar: Er sorgt sich um seine fünf Brüder (vgl. Lk 16,28), die gerade in Griechenland, Portugal, Irland, Italien und den USA durch verschwenderische Verschuldung seinen Reichtum bedrohen.

 

Ach ja, und er lässt ein paar Brotkrumen vom Tisch fallen. Angela Merkel sagte am Dienstag bei ihrem Kenia-Besuch eine – in Ziffern: 1 – Million Euro Soforthilfe zu, ein Bruchteil des Profits aus dem Rüstungsgeschäft, auf das sie ein Tag später mit Angolas Despoten José de Santos anstößt. Ein Bruchteil auch des Profits, den die mit der Kanzlerin reisenden Manager von Daimler, Lufthansa, Deutsche Bank, Bilfinger Berger und anderen Unternehmen sich durch neue Geschäftsabschlüsse versprechen. »Die deutsche Wirtschaft muss die Chancen, die sich in Afrika bieten, noch viel stärker nutzen«, sagt Michael Monnerjahn vom Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft.

 

Leider hat er nicht gesagt: Wir müssen die Pflicht zur Hilfe, um die Afrika schreit, noch viel ernster nehmen. Aber das können wir ja sagen – und gleich in die Tat umsetzen.

 

Auch kleine Beiträge helfen (Quelle: Oxfam):

 

  • Von 40 Euro kann genug Trinkwasser für einen Tag für 175 Kinder, Frauen und Männer bereitgestellt werden.

 

  • Von 80 Euro kann sich eine sechsköpfige Familie zwei Wochen lang ernähren.

 

  • Mit 160 Euro kann für zwei Wochen das Überleben von 140 Nutztieren gesichert werden, die Nahrung und Einkommen liefern.

 

Ich schlage allen Lesern dieses Blogs vor, ihre Läufe in der nächsten Woche den Ärmsten der Armen zu widmen und pro Kilometer einen oder zwei Euro zu spenden (zum Beispiel hier bei Oxfam). 

 

Der eine hat's, der andere nicht: ein Herz für Transplantationspatienten

Zwang zur Nächstenliebe?

8. Juli 2011

Hamburg, Elbufer

Zügiger Dauerlauf

12 km, 55 min

 

Zur Zeit geht es in der Politik häufig um Leben und Tod. Nach der Bundestagsdebatte zur Pläimplantationsdiagnostik (siehe auch mein Blog vom 1. Juli) wird jetzt das Thema Organspende diskutiert. Der jüngste Beitrag dazu stammt von unserem neuen Gesundheitsminister Daniel Bahr und steht heute in der »Süddeutschen Zeitung«. Er wendet sich darin gegen den ursprünglich von Volker Kauder formulierten Vorschlag, die Frage nach der Spendenbereitschaft obligatorisch mit der Ausgabe von Personalausweisen und Führerscheinen zu verbinden:

 

»Nach meinem Verständnis kann es keinen Anspruch auf einen Akt der Nächstenliebe geben. Und Organspende ist ein Akt der Nächstenliebe.«


Das finde ich politisch und theologisch bemerkenswert. Politisch deshalb, weil sich Bahr damit klar von seinem Parteichef und Amtsvorgänger Philipp Rösler absetzt, der mir im Januar in einem Interview sagte:


»Den Vorschlag von Herrn Kauder können wir nur unterstützen. Wir haben gute Erfahrungen mit einem Modellversuch in Niedersachsen, wo man bei der Führerscheinausgabe einen Organspendeausweis ausgehändigt bekommt. Diesen Modellversuch sollte man ausweiten« (Interview in »Runner's World«, Ausgabe 4/2011).


Gut, das muss die FDP unter sich ausmachen. Theologisch finde ich Bahrs Kommentar deshalb interessant, weil sie für mich auf die Kernfrage christlicher Glaubenspraxis zielt: Wie lerne ich Nächstenliebe? Mit dem Vorsatz allein ist es ja nicht getan. Zur Liebe kann ich niemanden zwingen – auch mich selbst nicht. Und umgekehrt kann ich auch von meinem Nächsten keine Liebe einfordern, selbst wenn er ein noch so frommer Christ ist. Da hat Bahr völlig Recht. Das Gebot »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« unterscheidet sich insofern radikal von den meisten Vorschriften im mosaischen Dekalog, die man auch ohne entsprechende innere Einstellung erfüllen kann. Jesus hat diese scheinbar leicht zu haltenden Gebote bekanntlich dahingehend verschärft, dass nicht nur die Tat, sondern schon die innere Einstellung moralisch relevant ist. Nicht nur das Töten ist zu unterlassen, auch der Zorn, der dazu führen kann. Nicht nur der Ehebruch, sondern auch der begehrliche Blick (vgl. Mt 5,22-28). Das Gebot der Nächstenliebe ist die Krönung dieser anspruchsvollen moralischen Haltung.

Ist sie zu anspruchsvoll? Sind wir dem überhaupt gewachsen? Aus meiner Sicht bietet Jesu Lehre geradezu ein Trainingsprogramm für die Nächstenliebe. Natürlich weiß auch Jesus, dass man Liebe nicht vorschreiben kann. Liebe als höchste Form der Zuwendung muss sich entwickeln. Aber wir können quasi auf niedrigeren Zuwendungsstufen die Voraussetzungen für diese Entwicklung schaffen. Drei Begriffe sind in den Evangelien zentral, die eine empfehlenswerte Haltung zu unseren Mitmenschen beschreiben: die Barmherzigkeit, die Demut und die Sanftmut. Dem Organspende-Minister Bahr empfehlen wir fürs erste die Barmherzigkeit.

Denn die Barmherzigkeit gilt vor allem den Hilfsbedürftigen und wird von Jesus nicht nur im berühmten Samariter-Beispiel, sondern auch in der Rede vom Weltgericht ausgeführt. Darin zählt er die Taten auf, auf die es am Ende wirklich ankommt und die als die sechs »Werke der Barmherzigkeit« in die Geistesgeschichte eingegangen sind: den Hungrigen helfen, den Durstigen, den Fremden, den Nackten, den Kranken und den Gefangenen (Mt 25,35f.). In diesem Sinn ist für mich die Organspendebereitschaft ein christlich gebotener Akt der Barmherzigkeit. Und den kann jeder üben – und von anderen einfordern.

Lieber Herr Bahr, lassen Sie sich von Ihrem bibelfesten Chef Lukas 6,36 erklären: »Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.«



Der Kuss der »großen Sünderin«

It started with a kiss
5. Juli 2011
Hamburg, Jenischpark
Ruhiger Dauerlauf
10 km, 50 min

Aus aktuellem Anlass wollen wir hier und heute ein Loblied auf den Kuss singen! Morgen ist nämlich der Internationale Tag des Kusses – leider kein kirchlicher Feiertag, obwohl der Lippenkontakt ein durchgängiges Thema in der Bibel ist und das Küssen durchaus eine spirituelle Dimension hat. Man kann da im Wortsinn schon bei Adam und Eva anfangen, wenn man das Einhauchen des göttlichen Odems in den Erdklumpen (Gen 2,7) großzügigerweise als ersten Kuss wertet. In diesem Akt überträgt sich das Wesen Gottes, die Liebe, in die irdische Materie.

Der Kuss bleibt ein Zeichen der Liebe und der Versöhnung: Jakob und Esau beenden mit einem Kuss ihren Streit (Gen 33,4), Josef versöhnt sich küssend mit seinen Brüdern (Gen 45,15), in Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn begrüßt der Vater den Ausreißer mit Küssen (Lk 15,20).

Das schönste biblische Denkmal setzt dem Kuss die Episode von Jesu Einkehr bei dem Pharisäer Simon (Lk 7,36-50). Eine stadtbekannte Prostituierte hört davon und begibt sich geradewegs in das Haus des Geistlichen, wäscht Jesus die Füße, pflegt und küsst sie. Auf die erschrockene Reaktion seines Gastgebers, ob er denn nicht wisse, dass die Frau eine große »Sünderin« sei, antwortet Jesus:


»Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen … Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt« (Lk 7,45.47).


Auch die größte Liebestat des Neuen Testaments, Jesu Tod am Kreuz, startet mit einem Kuss: dem verräterischen Zeichen des Judas (Mt 26,48). Diese negative Umdeutung eines Liebeszeichens steht am Anfang der Passionsgeschichte, die positive Umdeutung des Todes zur Hingabe für alle und damit zum größten Zeichen der Liebe (vgl. Joh 15,12f.) an deren Ende.

Unter den ersten Christen galt der »heilige Kuss«, zu dem Paulus viermal in seinen Briefen aufruft (Röm 16,16, 1Kor 16,20, 2Kor 13,12 und 1Thess 5,26), als Erkennungszeichen, als Zeichen der Versöhnung und des Friedens. Warum ausgerechnet der atheistische Sozialismus diese Sitte wieder aufleben ließ, gehört zu den Rätseln der Menschheitsgeschichte.

Aber selbstverständlich lassen wir auch Atheisten gerne von den Vorzügen des Küssens profitieren: Ein Kuss trainiert bis zu 34 Gesichtsmuskeln, beschleunigt den Herzschlag, stimuliert die Hormonproduktion und das Immunsystem. – Also, lasst uns etwas für den Körper oder für die Seele tun! Am besten für beides.

 

Wer hat die christlichere Einstellung zur PID – Präses Göring-Eckardt oder Pastor Hintze?

Leben und leben lassen

1. Juli 2011

Hamburg, Jenischpark

Langsamer Dauerlauf

10 km, 58 min

 

Wie steht man als Christ zur Präimplantationsdiagnostik? Die Antworten darauf gehen bekanntlich weit auseinander – der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider und der Pfarrer Peter Hintze wollen sie in bestimmten Fällen zulassen, Schneiders Vorvorgänger Wolfgang Huber und die Präses der EKD-Synode Katrin Göring-Eckardt wollen die PID dagegen grundsätzlich verbieten. Lässt unser Glaube keine eindeutige Haltung zu?

Das höchste christliche Gebot, die Nächstenliebe, fordert von uns zunächst einmal, dass wir uns ganz in die Situation der Beteiligten hineindenken. Ich glaube, das kann ich ganz gut. Meine Frau und ich haben lange, sehr lange auf ein Kind gewartet. Und wir wissen: Jedes Paar, das überhaupt vor der Frage »PID oder nicht?« steht, sehnt sich mit allen Fasern beider Herzen nach Leben! Es spürt bereits die Liebe zu einem Wesen, das es noch gar nicht gibt, und damit vielleicht die größte Gottesebenbildlichkeit, zu der wir Menschen fähig sind: dem Drang, schöpferisch zu sein und sich liebevoll für einen Menschen aufzuopfern.

Kann man in dieser Situation überhaupt eine falsche, eine »sündige« Entscheidung treffen, die bestraft werden müsste? Sünde im christlichen Sinn heißt Entfernung von Gott. Wenn der Wunsch nach einem gesunden Kind eine Sünde ist, kann das nicht mein Gott sein.

Es wäre auch nicht der Gott der Bibel. Nicht der Gott, der sich in dem Jesus von Nazaret offenbart, der sein Wirken beginnt, indem er »alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk« heilt (Mt 4,23). Nicht der Gott, der dem Volk Israel die Tora gab, in der der Schutz des ungeborenen Lebens kaum etwas gilt (Ex 21,22). – Letzteres darf man natürlich nicht überbewerten, die heutigen Handlungsoptionen waren damals schlicht unvorstellbar; es ist nur ein Hinweis an die christlichen Fundamentalisten, die die Bibel gern wörtlich nehmen.

Für die christlichen Gegner der PID ist in der Regel nicht die Vernichtung von Leben entscheidend – hier unterscheidet sich das Wegwerfen von Petrischalen mit befruchteten Eizellen prinzipiell nicht von der Wirkung der Spirale, erst recht nicht von der Abtreibung –, sondern die vom Menschen vorgenommene Selektion. Hier werde anmaßend zwischen »lebenswert« und »nicht-lebenswert« unterschieden.

Ich glaube, dass sich die Vertreter dieser These nicht genügend in die Situation der Handelnden hineinversetzt haben – oder die zur Debatte stehenden Gesetzesentwürfe nicht genau kennen. In Wirklichkeit geht es nicht um »lebenswert«, sondern um »lebensfähig«, um die Frage, ob das Kind überhaupt lebend zur Welt kommen kann und ob sich die Eltern die zu erwartenden krankheitsbedingten Belastungen zutrauen. Es geht ums nackte Überleben, nicht um Selektion, wie beispielsweise bei der – legalen – Abtreibung eines Trisomie-21-Kindes, für die ich deutlich weniger, nämlich gar kein Verständnis habe.

Bei der Frage »PID – ja oder nein?« spielen eine Fülle von existenziellen Faktoren eine Rolle, die in jedem Einzelfall unterschiedlich sind. Ich finde, diese Entscheidung kann und sollte man nicht unter Strafandrohung abwägen. Sie muss von jedem Paar gewissenhaft selbst getroffen werden – und dann steht es allein Gott zu, die Entscheidung zu bewerten. Strafe ist da sinnvoll, wo sich die Gesellschaft schützen muss. Hier müssen aber die Eltern geschützt werden, die eine der schwierigsten Fragen überhaupt zu beantworten haben.

Ich wünsche mir als Christ, dass am kommenden Donnerstag das Parlament den liberalen Gesetzentwurf Hintze/Flach oder zumindest den (die PID etwas stärker eingrenzenden) von Röspel/Hinz verabschiedet.

 



Frank-Ulrich Montgomery – fordernd als Standesvertreter, bescheiden als Mensch

Wunder gibt es immer wieder

27. Juni 2011

Hamburg, Fischmarkt

Langsamer Dauerlauf

8 km, 42 Minuten

 

Der neue Präsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, ist ein bemerkenswerter Mann. Der 59-jährige Hamburger Radiologe läuft jeden Morgen sieben Kilometer am Elbufer zwischen Blankenese und Teufelsbrück – meistens zusammen mit seiner Frau, ebenfalls Ärztin. Ich finde das ein nachahmenswertes Beispiel, weil eine Ehe, in der man zusammen läuft, ganz besonders stabil sein muss. Man hat in jedem Fall eine feste Zeit zum Austausch und man zeigt, dass man sich im Tempo anpassen kann.

Dieser Herr Montgomery hat nun der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« vom 26. Juni ein Interview gegeben, das ebenfalls bemerkenswert ist (Wortlaut leider nicht online; Kurzmeldung hier). Der Standesvertreter bekräftigt darin nicht nur seine persönliche Ablehnung der Präimplantationsdiagnostik, obwohl die Ärztekammer das mehrheitlich anders sieht. Montgomery sagt auch, dass er an Wunder glaube:


»Auch in der Medizin gibt so etwas wie Wunder. Völlig Unerklärliches. Manchmal wissen Sie nicht, warum Ihnen ein Patient unter den Händen wegstirbt und ein anderer weiterlebt. Da gibt es irgendetwas Höheres, das uns führt.«

 

Aus diesen Sätzen spricht eine Ehrfurcht, die man bei Naturwissenschaftlern selten findet. Der Wunderglaube ist hier oft einem Machbarkeitswahn gewichen, obwohl der kein bisschen rationaler ist. Grundlage aller Erkenntnis ist, dass man sich wundern kann. Und wer in diesem Sinn nicht an Wunder glaubt, der erlebt auch keine. Das weiß schon die Bibel, die über Jesu Wirken in seiner Heimat Nazaret berichtet:

 

»Und er konnte dort nicht eine einzige Tat tun …
Und er wunderte sich über ihren Unglauben« (Mk 6,5f.).


Samuel Koch bei Peter Hahne

Ganz im Gegensatz dazu der Held des zweiten bemerkenswerten Interviews vom Wochenende: Der querschnittsgelähmte Samuel Koch, der vor einem Jahr bei »Wetten dass« so schwer verunglückte, sagte bei Peter Hahne: »Über Wunder spricht man nicht. Auf Wunder hofft man.«

Ich bete für ihn.

 

Feuerkreis: Johannistagfeier bei St.-Petri-Pastor Seemann

Sonnenwende

26. Juni 2011

Hamburg, Volkspark

Ruhiger Dauerlauf

10 km, 50 min

 

Stillsitzen auf harten Bänken in dunklen, kalten Räumen, seltsame Rituale und rätselhafte Texte – ein klassischer Gottesdienst ist schon gewöhnungsbedürftig. Mir gelingt es selten, dabei eine Nähe zu Gott aufzubauen. Das Ideal eines Gottesdienstes ist für mich das Szenario, das der Autor des Matthäusevangeliums als »Bergpredigt« beschreibt: ein Treffen unter freiem Himmel und inmitten schöner Natur, eine spannende Ansprache und ein schlichtes Gebet.

 

»Dort nisten die Vögel, und die Störche wohnen in den Wipfeln« (Ps 104, 17)

Gestern habe ich so etwas Ähnliches erlebt. Pastor Rolf-Dieter Seemann von der Hamburger Hauptkirche St. Petri hatte zur Feier der Sonnenwende und des Johannistages in seinen Garten geladen. Kaum zu glauben, dass eine solche ländliche Idylle gerade mal 20 Autominuten von der City entfernt zu finden ist. Hinter dem Garten nur Wiesen und Weiden, vom Nachbarhaus schaut uns ein Storch zu, über unsere Köpfe fliegt ein Schwalbenpärchen ins Wohnzimmer des Pastors, wo es nun schon im zweiten Jahr ein Nest bezogen hat. Wir sitzen um ein Lagerfeuer, singen rhythmische Lieder, tauschen unsere Erfahrungen mit Feuer und Texte über die Sonne aus. Was könnte hier besser passen als der Psalm 104, der die Schönheit der Schöpfung, die Weisheit Gottes und die Sonne als sein prächtiges Gewand preist? Dazu ein Text von Jörg Zink, in dem er fragt, ob nicht die Verehrung des Sonnengottes, von dem sich das biblische Volk Israel nur widerwillig verabschiedete, von tieferer Religiosität zeugt als die heute übliche Kombination aus einem entmythifizierten naturwissenschaftlichen Weltbild und einem gestaltlosen Gott. Oder mit den Worten des Schriftstellers Sigismund von Radecki: »Atheismus ist der Versuch, die Erde ohne die Sonne zu erklären.«

 

Ein leuchtender Abend, auch wenn er im Regen ausklang. Darf man sagen: Spiritualität ist der Versuch, Religion ohne die Kirche zu leben?





Margot Käßmann als »Gutmensch« bei Anne Will am 19. Juni. Foto: NDR

Mitten im Leben

21. Juni 2011

Hamburg-Othmarschen

Zügiger Dauerlauf

12 km, 55 min

 

Was ist leichter zu verstehen? Die geradezu magische Popularität von Margot Käßmann oder die beißenden Polemiken der vielen Journalisten, die nach jedem ihrer öffentlichen Auftritte – wie zuletzt am Sonntag bei Anne Will – ihre Federn wie Schwerter schwingen? Ist es vielleicht eine Frage des Geschlechts? Die Bücher der ehemaligen Bischöfin werden vor allem von Frauen im mittleren Alter gelesen, die übelsten Verrisse dagegen (Beispiel hier) stammen durchweg von männlichen Autoren.

Für mich, obwohl Mann, ist ihre Beliebtheit kein Rätsel mehr, seitdem ich ihr das erste Mal persönlich begegnet bin. Das war 2008, ich wollte sie über ihre Laufgewohnheiten interviewen und war allem Religiösem gegenüber sehr skeptisch eingestellt. Im Gespräch kamen wir auch auf die spirituelle Dimension des Laufens, die ich damals noch für eine Chimäre hielt, und auf das Christentum. Was mich an ihr zunehmend begeisterte, war die klare, ganz und gar unpastorale Art, mit der sie über ihren Glauben sprach. Da war keine falsche Frömmigkeit, kein weltfremdes Moralisieren – mit einfachen Sätzen und fester Stimme argumentierte sie überzeugend für die Sache Gottes. Den gleichen Ton finde ich in ihren Büchern wieder, die ich erst lese und anschließend gerne als Hörbücher auf meine Läufer mitnehme. Es ist die Art von Klarheit, die einem eine faszinierende Sicht auf Neues eröffnet, die begeistert, obwohl sie nicht von Pathos getragen wird.

Margot Käßmann stellt den Glauben mitten ins Leben, wo er auch hingehört. Es geht ihr darum, »im Hier und Jetzt Spuren des Reiches Gottes zu legen« (Vortrag zum Ökumenischen Kirchentag 2010). Und genau das ist es, was ihre Kritiker auf die Palme bringt. Die Stimme des Glaubens, so argumentierte zuletzt der Medienwissenschaftler Norbert Bolz bei Anne Will, solle gefälligst innerhalb der Kirchenmauern bleiben und sich nicht zu Dingen äußern, bei denen Sachverstand gefragt ist. Ja, so hätten uns die Rechten und die Gottlosen gern: werkstags »Ja« und sonntags »Amen« sagen, politisch angepasst leben und dem Glauben nur in der Kirche frönen. Das Ganze wird dann auch noch scheinbar theologisch begründet: Schließlich habe ja schon Jesus gesagt, »mein Reich ist nicht von dieser Welt« (Joh 18,35).

Doch dieser Satz war eine Antwort auf die Frage des Pilatus, ob er der König der Juden sei. Jesus brachte damit zu Ausdruck, dass er nicht einem Volk, sondern einer höheren Instanz Verantwortung schuldet (vgl. Joh 18,37). Angesichts seines ganz und gar unangepassten Lebens ist es grotesk, aus dem Satz zu folgern, Jesus hätte sich nur um das Seelenheil und nicht um die irdischen Geschicke der Menschen gekümmert. Sein Wirken war eine einzige Hingabe an die Schwachen, Unterdrückten, Ausgestoßenen. Er widmete sich den Kranken, deren Leid damals als selbstverschuldet galt, heilte sie durch seinen Zuspruch, er prangerte mit seiner Verschärfung des Ehebruch-Verbots die Unterdrückung der Frauen an, er sprach mit Prostituierten und Kriminellen auf Augenhöhe, er mahnte dazu, Kinder als vollwertige Menschen zu sehen, er brach bewusst unsinnige Gesetze und wurde dort handgreiflich, wo der Kommerz die Spiritualität bedrohte. Wie viele Anne-Will-Sendungen hätte man in den drei Jahren seines Wirkens wohl füllen können?

Sein Wirken war eine einzige Provokation des geistlichen und weltlichen Establishments. Und er polarisierte wie niemand zuvor: Das Volk teilte sich in »Hosianna«- und »Kreuzigt ihn!«-Rufer. Ähnlich wie heute.




Meisterwerk »Der ungläubige Thomas« von Michelangelo Merisi da Caravaggio (1601/02; Neues Palais/Potsdam)

Der gläubige Thomas

15. Juni 2011

Hamburg-Elbufer

Langsamer Dauerlauf

14 km, 1:15 h

 

Seit Tagen lässt mich dieses Buch nicht mehr los: »Gottesbeweise von Anselm bis Gödel«, vor Kurzem erschienen in der Reihe Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Es versammelt auf gut 700 Seiten 28 Originaltexte zum Titelthema aus 900 Jahren, ergänzt um hilfreiche Einleitungen und Erläuterungen der beiden Herausgeber und Philosophen Joachim Bromand und Guido Kreis.

Beim Thema Gottesbeweis gehen ja einige Christen auf die Barrikaden. Wenn sich Gott beweisen ließe, wäre für den Glauben ja gar keinen Platz mehr. Im Übrigen wäre es ja völlig vermessen, wenn wir Menschen mit Mitteln unseres Verstandes Gott aus irgendetwas zwingend ableiten könnten. Würden wir uns dann nicht mächtiger als Gott selbst dünken?

Gemach, gemach. Alle Erkenntnis fußt auf Glauben. Auch die vermeintlich exakte Erkenntis der Wissenschaft. Ohne unbeweisbare Axiome, die man akzeptieren, also glauben muss, ist keine Theoriebildung möglich. Insofern ist das Unternehmen Gottesbeweis nur ein methodischer Ansatz: Gott wird in dieser Variante nicht als Axiom eingeführt, sondern aus anderen Prämissen gefolgert. Dieses Verfahren hat den Vorteil, dass man so auch mit Agnostikern und Atheisten ins Gespräch kommen kann, die ein Gottesaxiom nie und nimmer akzeptieren würden. Außerdem hilft es den Menschen zu Gott, denen der Kinderglaube nicht in die Wiege gelegt wurde und die sich als Erwachsene mühsam den Weg zu Gott mit allen Mitteln ihrer drei Seelenvermögen – Gefühl, Wille und eben auch Verstand – erkämpfen müssen. Zu diesen gehöre ich auch. Ist man deshalb ein schlechterer Christ? War Thomas ein schlechterer Jünger, weil er einen Beweis verlangte, als beispielsweise Petrus, der den Herrn immerhin dreimal verleugnete?

Ich habe vor diesem Lauf nochmals die Geschichte vom angeblich »ungläubigen Thomas« im Johannes-Evangelium nachgelesen (Joh 20,19-29) und dabei ein Detail entdeckt, das mir vorher gar nicht klar war: Jesus zeigte seine Wundmale als Auferstandener nicht nur Thomas, sondern auch den anderen Jüngern! Erst nach dieser Demonstration »wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen« (20). Thomas war bei dieser Begegnung der Jünger mit Jesu nicht dabei, sondern kam erst »acht Tage später« (26) dazu und bat dann um das Gleiche, was den anderen elf Jüngern bereits eine Woche zuvor gewährt worden war: »Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe …, kann ich's nicht glauben« (25).

Sicher, anschließend heißt es bekanntlich: »Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!« (29). Aber Jesus hat Thomas' Bitte um empirische Evidenz nicht abgeschlagen. Der Verstand führt uns offensichtlich nicht in die falsche Richtung auf unserer Suche nach Gott, auch wenn er allein den Weg nicht schafft. Da muss uns Gott schon gnädig entgegenkommen. »Ich glaube, hilf meinem Unglauben«, ruft der Vater eines kranken Sohnes Jesus laut Markus-Evangelium zu (Mk 9,24).

 

Der heimliche Gottesbeweiser Kurt Gödel (1906-1978). Foto: Wikipedia

Kehren wir also mit gutem Gewissen zurück zu den Gottesbeweisen. Über dem einzigen Gottesbeweis, der bis heute nicht widerlegt wurde, könnte stehen: »Ich glaube nicht, hilf meinem Glauben«. Er stammt nämlich von einem berühmten Mathematiker, Kurt Gödel, der sich des Ergebnisses schämte und den Beweis deshalb zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht sehen wollte. Niemand sollte denken, er glaube tatsächlich an Gott. Seine Absicht sei es nur der Nachweis gewesen, dass ein Gottesbeweis prinzipiell mit klassischen logischen Mitteln möglich sei. Paradox, nicht wahr?

Gödels Beweis, der sich in prädikatenlogischer Notation komplizierter liest als er tatsächlich ist, sagt in Kurzform: Gott, sofern er existiert, zeichnet sich dadurch aus, dass er alle positiven Eigenschaften besitzt. Logisch notwendige Existenz ist eine positive Eigenschaft. Also existiert Gott notwendigerweise. (Etwas ausführlichere Beschreibung hier oder im erwähnten Buch, S. 381-406 und 483-486.) Was hier formal korrekt bewiesen wird, ist möglicherweise noch weit von einem christlichen Gottesbegriff entfernt. Aber es zeigt, dass sich mit strenger Ratio die Klinke zu einer Tür öffnen lässt, hinter der andere Dinge zählen als Widerspruchsfreiheit und logische Stringenz.


Die Eruption auf unserem Zentralgestirn am letzten Dienstag. Foto: Nasa

Grüße von der Sonne
9. Juni 2011
Hamburg-Elbufer
Lockerer Dauerlauf
11 km, 55 min

Heute wird ein Partikelstrom, ausgelöst von einer heftigen Eruption auf der Sonne am Dienstagmorgen (MESZ), mit der unvorstellbaren Geschwindigkeit von über fünf Millionen Kilometer pro Stunde an der Erde vorbeirasen. Die übliche mediale Panikmache – »Monster-Sonnensturm« (»Bild«), »Kosmischer Streifschuss« (»Spiegel«), »Elektronik-Chaos droht« (»Hamburger Abendblatt«) – haben Wissenschaftler schnell beschwichtigt: Die meisten Ionen sind nach dem Ausbruch wieder auf die Sonne zurückgefallen, nur ein winziger Teil der Partikel und der Strahlung wird die Erde treffen.

Nochmal Glück gehabt. Weitere Sonnenstürme in nächster Zeit sind sehr wahrscheinlich, weil die zyklisch verlaufende Sonnenaktivität nach einer längeren Ruhephase gerade wieder Fahrt aufnimmt. Theoretisch können die damit verbundenen Teilchenströme unsere Kommunikation und unsere Stromversorgung für längere Zeit lahmlegen.

Diese Vorstellung kann Furcht auslösen – sie kann aber auch ein Anlass für Ehrfurcht sein. Solche Ereignisse erinnern uns an das kunstvoll austarierte kosmische Gleichgewicht, das unser Leben überhaupt erst möglich macht. Jede noch so kleine Änderung an den Masseverhältnissen im Universum, an den Naturkonstanten, den Elementarkräften hätte unausweichlich zur Folge, dass die Bedingungen für Leben auf der Erde zerstört wären. Erst in den letzten Jahrzehnten haben Physiker und Kosmologen die unglaubliche Unwahrscheinlichkeit unserer Existenz entdeckt und nachvollziehbar gemacht. So schreibt zum Beispiel der britische Physiker Paul Davies in seinem neuesten Buch:


»Bis vor einiger Zeit wurde dieser Faktor, nach dem wir Glückspilze sind und den kosmischen Jackpot geknackt haben, von der Forschung völlig ignoriert. Das ändert sich derzeit rapide«
(Davies: Der kosmische Volltreffer – warum wir hier sind und das Universum wie für uns geschaffen ist. Frankfurt am Main/New York 2008, S. 19).


Der britische Mathematiker Roger Penrose hat die Wahrscheinlichkeit kalkuliert, dass aus einem Urknall ein Universum entsteht, in dem irgendwo Leben möglich ist. Er kam dabei auf die unvorstellbar kleine Zahl 1:10 hoch 123. Wie gering diese Wahrscheinlichkeit ist, macht vielleicht folgender Vergleich deutlich: Angenommen, ein einziges Elementarteilchen im gesamten Universum inklusive aller Galaxien wäre mit einer Spezialfarbe blau lackiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass man auf Anhieb genau dieses Elementarteilchen errät, beträgt 1:10 hoch 87 – ist also 10-hoch-36-Mal größer! Paul Davies veranlasste dies zu der lakonischen Bemerkung:


»Man kann sich nur schwer dem Eindruck verschließen, dass die gegenwärtige … Struktur des Universums das Ergebnis ziemlich aufwendigen Nachdenkens ist« (Davies: Gott und die moderne Physik. München 1986, S. 247).


Es sind Überlegungen wie diese, die uns immer wieder deutlich machen, dass es rationaler ist, an einen Gott zu glauben als es nicht zu tun. Oder, wieder mit den Worten Paul Davies': »Die Naturwissenschaften bieten einen sichereren Weg zu Gott als die Religion« (ebd., S. 15).

 

Wie schön, dass uns Gott ab und zu daran erinnert.




Zwischen Vatertagsfeiern am Dresdener Elbufer: spirituelle Laufgruppe beim Kirchentag

»Oh Gott, die Christen kommen!«

2. Juni 2011, Christi Himmelfahrt

Dresden, Elbufer

Langsamer Dauerlauf

5 km, 30 min


Hier wäre ich nie und nimmer alleine gelaufen. Ein warmer Sommerabend wie aus dem Bilderbuch, Dresdens pittoreske Uferpromenaden sind von grölenden Vatertagsgrüppchen und glücklich erschöpften Kirchentagsbesuchern in Beschlag genommen. Zehntausende dieser aus sehr unterschiedlichen Gründen gut gelaunten Menschen säumen die Radwege zwischen Marien- und Albertbrücke. Dazwischen ein Pulk von 40 Läufern, die zum ersten Mal gemeinsam laufen und die mehr verbindet als die Liebe zum Sport: Sie glauben an die spirituelle Dimension des Laufens.

 

Ich freue mich darüber ganz besonders. Auf diesen Kirchentagslauftreff hatte ich mich gründlich vorbereitet. Besonders die theoretische Einführung in die Spiritualität des Laufens, ihre theologische Fundierung und ihre Abgrenzung zu esoterischen Techniken lag mir am Herzen (Präsentation hier zum Download). Nach dem kleinen Vortrag sind wir aufgebrochen, jeder mit einem Impulstext, den Menschenmassen zum Trotz.

 

Die erwartete Meditationsstimmung stellte sich in dem Trubel kaum ein. Dafür lernten wir, welche Power von Freude ausstrahlenden Läufern ausgehen kann. Den Vatertagsfeierprofis, deren Sprachfähigkeit sich nach vielen Stunden Alkoholgenuss in prallem Sonnenschein auf lautstark lallendes Pöbeln reduzierte, blieben die Kraftausdrücke im Halse stecken. Es reichte oft nur noch zu erstaunten Gesichtern, anerkennend zum Gruß gehobenen Bierflaschen und zum erschreckten Ausruf: »Oh Gott, die Christen kommen!«

 

Wir fühlten uns gleich in doppelter Mission unterwegs: Tut eurer Seele und eurem Körper doch mal etwas Gutes! Mit Sicherheit haben wir den einen oder anderen Zuschauer ins Grübeln gebracht. Übrigens auch unter den Kirchentagsbesuchern, die uns meistens begeistert zuklatschten.

Beim lockeren Austausch nach dem Lauf stellten wir fest, dass spirituell motiviertes und gestaltetes Laufen zwar keinen Gottesdienst vollumfänglich ersetzen kann, aber eine wunderbare Form der Religiosität ist, die das Angebot vieler Kirchengemeinden gut ergänzen könnte. Vielleicht hat dieser Kirchentagslauftreff den Grundstein für ein Netzwerk von spirituellen Laufangeboten gesetzt. Ich würde es mir wünschen!

 



»Jesus is my virtue«: Lady Gagas neues Album »Born this way« spielt mit christlichen Bezügen

Gaga oder göttlich?
25. Mai 2011
St. Peter-Ording
Zügiger Dauerlauf
26 km, 2 h


Keine Frage: Das neue Album von Lady Gaga eignet sich hervorragend zum Laufen. Nicht zum Joggen, aber zum Trainieren. Der Dancefloor-Beat wirkt so beschleunigend, dass ich nach den 1:40 Stunden des Doppelalbums am Ende meiner Kräfte war. Von einem spirituellen Erlebnis zu sprechen, wäre allerdings übertrieben. Dass ich überhaupt auf die Idee kam, »Born This Way« könnte sich dafür eignen, verdanke ich dem Artikel »Überirdische Nächte« aus der letzten »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« (leider nicht online). Dort vergleicht Cord Riechelmann das Album mit der berühmten mittelalterlichen Gottesdefinition aus dem »Liber viginti quattuor philosophorum«:


»Gott ist die unendliche Kugel, deren Mittelpunkt überall und deren Umfang nirgends ist« (Urheber unbekannt; deutsche Textfassung des »Buches der 24 Philosophen« jetzt in einem sehr empfehlenswerten Bändchen von Kurt Flasch editiert).


Zu jedem Referenzpunkt – Judas, Jesus, Maria, der Katholik Kennedy und wer sonst noch alles in den Texten vorkommt – setze Stefani Germanotta eine eigene Umfangslinie, die durch die muskalisch inspirierte Assoziation ins Unendliche aufgelöst werde. Alles klar?

Es war aber nicht dieser kühne Gedanke allein, der meine Neugier auf das Album der Absolventin einer katholischen Mädchenschule weckte, sondern auch der an Beleidigung grenzende Verriss von Margot Käßmanns Moderatorinnendebut in »3 nach 9« vom vorletzten Freitag, den Riechelmann im gleichen Text unterbrachte. Danach hätte man Lady Gagas Lied »Sch…e« als Soundtrack unter die Sendung, speziell unter den Talk-Part mit »Berghain«-Türsteher Sven Marquardt legen können. Hier singt eine amerikanische Sängerin in einer Sprache, die sie nicht versteht, dort versuche eine protestantische Theologin einen Tattoo- und Piercing-Künstler »auf ihr Niveau des Christentums herunterzuziehen«. Wer die Sendung gesehen hat oder sich in der Mediathek anschaut, wird feststellen, dass das Unsinn ist. Käßmann fragt lediglich einen Künstler, der bewusst mit christlichen Symbolen kokettiert, inwieweit er sich dabei von der üblichen Bedeutung entfernt – und trägt damit zur Verständigung bei. Dass Marquardts Erklärungen dabei genauso erratisch blieben wie der sachliche Grund von Lady Gagas Bezügen zum Neuen Testament auf ihrem neuen Album, kann man wohl kaum Frau Käßmann anlasten.

Aber ein naiver, voraufklärerischer »Krawallkatholizismus« (»Süddeutsche« von heute) scheint ja derzeit Revival zu feiern (siehe auch mein Blogeintrag vom 13. Mai).




Seltenes Bild: lächelnder Jesus (Bleistiftzeichnung von Heather M. Taiwo)

Das Geheimnis der Freude

19. Mai 2011
Hamburg-Othmarschen
zügiger Dauerlauf
11 km, 50 min


Gestern Abend erzählte mir ein Pastor, dass er sich mit seiner letzten Predigt zum Sonntag Jubilate schwer getan hätte. Es ging um eine Perikope aus dem Johannes-Evangelium, die mit dem schönen Satz endet: »Euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen« (Joh 16,22). »Hey«, sagte ich, »das ist ja unser Trauspruch!« Ich finde das eine der schönsten Stellen in den Evangelien, weil sie die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Evangelium – frohe Botschaft – plastisch werden lässt.


Trotzdem haben manche Christen damit ihre Probleme. Freude – wie passt das zu Kreuz und Jüngstem Gericht, zu dem vielen Leid auf der Welt? Wahrscheinlich sind Kirchen deshalb oft so düster, wahrscheinlich ist es deshalb so schwer, ein Bild von einem lachenden Jesus zu finden. (Die Bleistiftzeichnung rechts von Heather M. Taiwo ist eine der seltenen Ausnahmen, die eine Ausstellung der australischen Major Issues and Theology Foundation Ltd. hier versammelt hat.)


Dabei ist doch gerade die Botschaft des Kreuzes eine Umdeutung menschlicher Bewertungen: aus Tod wird Leben, aus dem Verbrecher der Erlöser, aus der gefühlten Gottverlassenheit Gottes größter Liebesbeweis. Freuen können sich im Christentum nicht etwa nur die, die materiell auf der Sonnenseite leben, sondern gerade die anderen. Die Seligpreisungen in der Version des Lukas-Evangelium zeigen das am deutlichsten:

 

»Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und springt vor Freude; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel« (Lk 6,20-23).

 

Die Seligpreisungen machen deutlich, so hat es der Theologe Klaus Berger mal formuliert, dass sich Christen nicht nur auf die Zukunft freuen können, sondern dass der künftige Jubel bereits in die Gegenwart strahlt. Wie könnte es auch anders sein in einem Glauben, für den die Liebe zentral ist. Dazu zur Abwechslung mal kein Bibelspruch, sondern ein Goethe-Zitat (»Willkommen und Abschied«):

 

»... welch Glück, geliebt zu werden, und lieben, Götter, welch ein Glück!«




Der Posaunist und der Harfenspieler: Matthias Matussek, Philipp Rösler

Laute und leise Christen
13. Mai 2011
Hamburg-Ottensen
Lockerer Dauerlauf
11 km, 54 min

Manche Leute posaunen Ihren Glauben heraus, als müssten sie die Mauern Jerichos zum Einsturz bringen. In den letzten Tagen gab es beispielsweise kaum eine Möglichkeit, dem »Spiegel«-Autoren Matthias Matussek und seinem Bekenntnis zur katholischen Kirche zu entkommen. Radio- und TV-Interviews, Videoblogs, Artikelserien auf »Spiegel Online« – auf allen Kanälen promotete der Journalist sein neues Buch »Das katholische Abenteuer – eine Provokation«. Darin erzählt er von seiner frühen religiösen Prägung, verteidigt den Zölibat und den Ausschluss der Frauen von der Priesterweihe, schwärmt von Marienandachten und Weihrauchkult und schimpft über die »bequemere der christlichen Religionen«, deren »Erbauungsliteratur« in »homöopathischen und jederzeit gut verträglichen Verdünnungen« ins »gesellschaftliche Gewebe« tropfe.

Das alles ist kurzweilig zu lesen, stellenweise auch rührend – etwa die Beschreibung, wie sein Vater nach einer Anrufung des Heiligen Antonius seine Brille im Meer wiederfindet –, hinterlässt aber einen schalen Nachgeschmack, wenn die Pointen verebbt sind: Matussek erweckt den Eindruck, dass eine Religion umso kraftvoller ist, je mystischer, je geheimnisvoller sie sich den Gläubigen präsentiert. In seinem Verständnis soll Religion Streit provozieren, nicht auf Einsicht setzen. Aber ist es nicht ein Rückfall in finsteres Mittelalter, wenn Glaube und Vernunft getrennt werden? Kann man rationale Argumente durch laute Provokationen ersetzen?

Mir liegt die Art und Weise eines anderen Katholiken näher, der in diesen Tagen die Schlagzeilen beherrscht: Philipp Rösler. Da wird doch tatsächlich ein Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zum Vorsitzenden einer Partei gewählt, die sich bislang eher durch agnostische Positionen und Kirchenkritik ausgezeichnet hat (vgl. dazu diesen Artikel aus »The European« vom Dezember 2010).

 

Aber der Neue im Amt nimmt weder ein Megaphon noch ein Blatt vor den Mund, wenn er über seinen Glauben spricht. In einem Interview mit der »Welt« lässt er seine Überzeugungen unaufdringlich, aber bestimmt anklingen und sagt so kluge Sätze wie: »Die Verfassung schützt die Minderheit vor der Mehrheit, der Gottesbezug den Menschen vor sich selbst.« Oder auf die Frage, inwieweit sein Glaube politische Entscheidungen beeinflusse: »In der Bibel finden Sie viele Hinweise, zum Beispiel zum Thema Solidarität. Nicht nur das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Alles, was menschlich ist, wird in der Bibel reflektiert. Und deshalb ist die Bibel für mich persönlich auch in der Politik eine wichtige Wertebasis.« Das Buch von Matussek hat er wohl nicht gelesen, denn Rösler sagt auch: »Glaube schützt vor Größenwahn.« Offenbar nicht jeden …

In der biblischen Geschichte hat sich Gott übrigens immer auf zurückhaltende Weise gezeigt. »Es ist das Geheimnis Gottes, dass er leise handelt«, schreibt Joseph Ratzinger, der Papst, in seinem neuesten Buch. Am schönsten, finde ich, ist das in der Geschichte vom Propheten Elia erzählt, der am Berg Horeb auf eine Gottesbegegnung wartet:


»Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm« (1 Kön 19,11-13).




Da war die Welt noch in Ordnung: meine Mutter und ich vor 48 Jahren

Muttertag

8. Mai 2011

St. Peter-Ording

zügiger Dauerlauf

16 km, 1:15 h


Von wegen Vater und Mutter ehren! Jesus hat es seiner Mutter Maria wirklich nicht leicht gemacht. Als ihm während einer Ansprache zum Volk ausgerichtet wurde, dass da hinten seine Mutter und seine Brüder auf ihn warteten, antwortete er: »Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?« Dann zeigte er auf seine Jünger und sagte: »Siehe da, das ist meine Mutter und meine Brüder« (Matthäus 12, 48f.). – Aber wer weinte unter dem Kreuz? Da hatten die Jünger sich verdrückt und nur einige mutige Frauen begleiteten ihn in den Tod. Darunter natürlich Maria – seine Mutter.

 

Mutterliebe ist eben durch nichts zu erschüttern. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Und ich durfte es glücklicherweise auch erleben. Zum Beispiel bei der Reaktion meiner Mutter auf meine spätpubertären Exzesse. Meine Fingernägel lackierte ich schwarz, schnitt mir jahrelang nicht die Haare, trug peinliche Latzhosen und forderte die sofortige Freilassung aller RAF-Gefangenen … Der einzige Kommentar meiner Mutter: »Egal, was du machst und wie du aussiehst, du bist und bleibst mein Sohn.«

 

Erst jetzt, als Vater, kann ich so langsam verstehen, wie schwer ich es meinen Eltern manchmal gemacht habe. Dabei ist meine Tochter erst acht Monate alt. Aber vor dem Muttertag hat sie schon jetzt keinen Respekt. Oder warum musste sie grade heute ihr erstes Wort aussprechen? Das da nämlich lautete: »Babbababbababba ...«

 



Ein neuer Satanssturz?
2. Mai 2011
Elbe, Jenischpark, Westerpark
Langsamer Dauerlauf
16 km, 1:22 h

 

»Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz« (Lukas 10,28). Dieser Jesus zugeschriebene Spruch ist eine der rätselhaftesten Stellen im Neuen Testament. Der Satz dürfte zwar kaum authentisch sein – er ist uns nur im dem fantasiereich ausgeschmückten Lukas-Evangelium überliefert –, aber die Aussage und der zugehörige Kontext haben es dennoch in sich. Erst recht an einem Tag wie diesem, wo das am fantasiereichsten ausgeschmückte deutsche Medium insinuiert, dass mit Osama Bin Laden der Teufel getötet wurde (siehe Screenshot rechts; zum Artikel hier).

 

Während die »Bild«-Zeitung mit dem Teufelsvergleich einen Terroristen mythologisch überhöht, stand Jesus' Vision vom Satanssturz genau so wie seine Dämonenaustreibungen im Dienst seiner umfassenden Entmythologisierung: In einer Zeit, in der hinter allen Übeln und Krankheiten böse Geister vermutet wurden, räumte er gründlich mit solchem Aberglauben auf. Der Sturz des Satans bedeutet für Jesus zugleich der Beginn der unangefochtenen Gottesherrschaft. Dass nur er den Sturz sah, qualifiziert ihn als den ersten von Satans Herrschaft Freien.

 

Wir haben heute keinen Satan vom Himmel fallen sehen – und die Welt ist heute auch kein bisschen besser als gestern. Aber es gibt ein paar Selbstgerechte mehr: Die Gerechtigkeit habe gesiegt, meinen in seltsamer Koalition US-Präsident Barack Obama, sein Vorgänger Georg Bush und der deutsche Außenminister Guido Westerwelle. Was würde Jesus ihnen sagen? Wahrscheinlich auf sein in Matthäus 5,20 überliefertes Diktum verweisen: »Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.« Und was ist die »bessere Gerechtigkeit«? Da gibt die Bergpredigt eine eindeutige Antwort: Nächsten- und Feindesliebe statt Talionsgesetz (Auge um Auge, Zahn um Zahn).

 

In Lukas 10, im Kontext des Satanssturzes, beantwortet Jesus übrigens auch die heute oft gestellte Frage, ob man sich über den Tod eines Menschen freuen darf. »Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes ... Doch darüber freut euch nicht« (Lk 10,19f.). Wir können die Zeit besser nutzen und stattdessen die Opfer des 11. September 2001 und der dadurch ausgelösten Kriege beweinen. Ganz im Sinn der Bergpredigt: »Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden« (Mt 5,4).

 

Frank Schaefer, Ex-Coach des 1. FC Köln, eckt mit seinem christlichen Glauben an. Foto: fc-koeln.de

Glaube im Abseits

29. April 2011

Hamburg-Ottensen

Langsamer Dauerlauf

10 km, 55 min

 

Erstaunlich, wie viel Glaube es im Fußball gibt. Ich meine wirklichen Glauben, nicht den Glauben an den nächsten Sieg. Vor ein paar Tagen erst bekannte Ottmar Hitzfeld in der »Süddeutschen Zeitung«, dass er zutiefst gläubig ist, heute eröffnet mir mein fußballbegeisterter Laufpartner, dass er früher Messdiener war – und jetzt wird bekannt, dass Frank Schaefer als Trainer des 1. FC Köln auch deshalb zurücktrat, weil er mit seinem Glauben aneckte. Sportdirektor Volker Finke, sein Ex-Vorgesetzter und jetzt sein Nachfolger, sagt über ihn: »Der Glaube ist Schaefers Problem.« Wie bitte? Hat Schaefer es an Engagement missen lassen? Arbeit durch Gottvertrauen ersetzt? Den Spielern Beten statt Pässe gelehrt? Ganz und gar nicht: Schaefer war nicht naiv, hat »nicht für Siege« gebetet, wie er dem Kölner »Express« sagte, sondern nur gut jesuanisch nur dafür, »dass Gottes Wille geschieht«.

 

Genauso hält es übrigens Jürgen Klopp, der Trainer des neuen Deutschen Meisters Borussia Dortmund: »Mein roter Faden im Leben ist der Glaube. … Aber ich bete nie darum, dass wir gewinnen«, bekannte er in einem Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur. Wer die Rückendeckung seines Vereins und seiner Spieler hat, der muss auch nicht um Punkte beten.

 

»Spiegel«-Titel 17/2011

Ein Rebell Gottes?
25. April 2011 (Ostermontag)

St. Peter-Ording

Zügiger Dauerlauf

13 km, 1 h


Soll man sich ärgern oder freuen, dass zur Osterzeit alle Medien Jesus von Nazaret entdecken? Einerseits ist es ja zu begrüßen, dass man sich in den Ruhephasen unserer schnell getakteten, säkularen Zeit offenbar gern an das Christentum erinnert. Andererseits macht es mich wütend, wenn das Evangelium vom Boulevardjournalismus verzerrt widergespiegelt wird. Da insinuiert der aktuelle »Spiegel« allen Ernstes, dass Jesus und seine Jünger eine gewaltbereite Terroristengruppe gegen die römische Besatzungsmacht waren. Olle Kamellen, eine solche einseitige Lesart vergewaltigt die Fakten und lässt sich schnell widerlegen.

 

In Wirklichkeit ist Jesu Botschaft viel radikaler - sie richtet sich nicht gegen eine einzelne, temporär und geografisch begrenzte weltliche Herrschaft, sondern sie will jeden einzelnen Menschen von seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit befreien. Jesus war, will man es denn boulvardesk zuspitzen, der erste Aufklärer über 1700 Jahre vor Immanuel Kant. Doch für alle Vergleiche dieser Art gilt das bekannte Diktum Dorothee Sölles:

 

"Vergleiche ihn ruhig mit anderen größen
sokrates
rosa luxemburg 
gandhi
er hält das aus
besser ist allerdings
du vergleichst ihn
mit dir."

 

Lehrreich, spannend, witzig: der Klassiker des jüdischen Religionsphilosophen Pinchas Lapide

Dreimal Trost

10. April 2011

Krank zuhause

 

Draußen lockt die Frühlingssonne und ich schleppe mich schlapp vom Bett zur Couch und von der Couch ins Bett. Die Erkältung will einfach nicht weichen. Trost geben mir drei Dinge: 1. Mehr Zeit für meine Tochter. 2. Die Aussage des Arztes: »Das ist der Unterschied zwischen Ihnen und mir: Wenn ich einen Marathon gelaufen wäre, wäre ich jetzt tot. Sie sind nur krank.« 3. Das Buch von Pinchas Lapide, das ich gerade lese (Ist die Bibel richtig übersetzt?). Ich lerne viel über die hebräische Sprache, über die judenfeindlichen Übersetzungen der Tora und über den wahren Kern des Judentums. Stellenweise auch hinreißend komisch, etwa wenn Lapide beschreibt, wie Luther um eine richtige Übersetzung von 1 Samuel 24,4 ringt. Erst schrieb er in sein Manuskript (wörtlich korrekt): »Und Saul ging hinein, um zu sch...«. Vor dem Druck korrigierte er aber noch: »Und Saul ging hinein, um seine Füße zu bedecken.«

 

Unser 3-Religionen-1-Gott-Team in der Jerusalemer Altstadt

Irdisches und himmlisches Jerusalem

25. März 2011, Jerusalem-Marathon

langsamer Dauerlauf

42,2 km, 4:22 Stunden

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Jetzt verstehe ich den Satz aus Hesekiel 5,5: »So spricht Gott der HERR: Das ist Jerusalem, das ich mitten unter die Heiden gesetzt habe und unter die Länder ringsumher.« Jerusalem ist der Test, wie weit unsere Toleranz, unsere Nächstenliebe reicht. Ich bin unterwegs mit Tereza, einer jüdischen Ärztin aus Nürnberg, und Ridvan, einem moslemischen Informatiker aus Hamburg. Wir alle drei tragen ein auffälliges T-Shirt mit Mondsichel, Davidstern, Kreuz und der Aufschrift »THREE RELIGIONS, ONE GOD«. Der »Spiegel« wird später über die Aktion lächelnd schreiben: »eine romantische Idee«. Die Läufer um uns herum sehen das anders: »I love your shirt«, »The best idea ever, ever, ever«, »You are so right« sind nur ein paar Beispiele für die vielen Zusprüche, die wir bekommen.

 

Ja, vor zwei Tagen hat ein Bombenanschlag unmittelbar vor der Marathonmesse eine Frau in den Tod gerissen und 39 Menschen verletzt. Ja, 2000 Soldaten sind über die Strecke verteilt, um die Veranstaltung zu sichern. Ja, 3000 Soldaten laufen mit, weshalb man die Abstecher in den arabischen Ostteil der Stadt auch als Machtdemonstration des rechten Bürgermeisters Nir Barkat sehen kann. Doch gerade deshalb passt hier unsere Friedensbotschaft: Lasst uns doch einmal unsere gemeinsame Wurzel feiern!

 

Der Lauf mit Tereza und Ridvan lässt mich spüren, dass dies keine Utopie ist, sondern eine reale Möglichkeit. Man muss es nur wollen. In der Altstadt von Jerusalem funktioniert es ja sogar ganz gut. Wie Elementarteilchen in einem Atomkern sind dort Heiligtümer der drei monotheistischen Religionen auf engstem Raum zusammengedrängt. Ein fragiles Gleichgewicht, gewiss. Wehe, wenn die Kräfte wie in einer Atomspaltung freigesetzt werden. Aber letztlich will hier jeder seine Ruhe und seinen Frieden, um seinen Geschäften und seinen Kulten nachzugehen.

 

40 Kriege gab es um Jerusalem, die Opfer hat keiner gezählt. Keine Partei kann ihre Hände in Unschuld waschen – nicht die heute hier verfeindeten Juden und Moslems, auch nicht die Christen, die als Kreuzritter 50 000 Juden und 30 000 Moslems schlachteten.

 

Mein Kopf ist voller Geschichten – aufgeladen von dem Attentat, das in Sichtweite meines Hotelzimmers stattfand, aufgeladen von dem gestrigen Besuch in Yad Vashem, wo der Holocaust erschütternd in Einzelschicksalen erzählt wird, aufgeladen auch durch den Besuch in der Altstadt, diesem meistdurchbeteten Mikrokosmos der Welt, der trotz seiner Geschäftigkeit eine mystische Kraft entwickelt. Ich bin froh, dass ich laufend meine Eindrücke verarbeiten darf. Besonders berührt mich der Blick vom Scopusberg rüber zum Garten Gethsemane, wo Jesus seine einsamsten und schwersten Stunden durchlitt: ringend um eine andere Lösung, verlassen von seinen treusten Anhängern, verraten von Judas. Trotzdem hatte er die Kraft, Gottes Willen zu folgen. Um die Kehrseite starker Willenskräfte zu sehen, muss ich mich nur umschauen: Am Scopusberg siedeln jüdische Israelis aus religiöser Überzeugung bewusst im arabischen Teil Jerusalems. Wenn wir uns im irdischen Jerusalem noch bekriegen, sind wir noch nicht reif für das himmlische.

 

P.S. Unser 3-Religionen-Team finishte – allerdings nicht gemeinsam. Einer wollte bei Kilometer 8 aussteigen, lief nach einer Gehpause aber trotzdem weiter. Und so kamen Juden und Christen nach 4:22 h gemeinsam ins Ziel, eine dreiviertel Stunde später der Moslem. Wir nahmen es mit Humor: Der Islam kam ja auch um einige Jahrhunderte später auf die Welt.

 

P.P.S. Zum sportlichen Aspekt des Marathons hier klicken.

 

 

Die Neugeborenenstation (ganz links) des AK Altona und das Hospiz Othmarschen

Anfang und Ende

20. März 2011, Othmarschen

lockerer Dauerlauf

11 km, 55 min

 

Der letzte Lauf vor dem Jerusalem-Marathon am Freitag. Vorbei an der für mich berührendsten Stelle Hamburgs: die Neugeborenenstation des AK Altona, in der vor sieben Monaten recht dramatisch unsere Tochter zur Welt kam. Hätten wir damals die Muße gehabt, aus dem Fenster zu schauen, wäre uns schon damals aufgefallen, dass direkt daneben das Sinus Hospiz Othmarschen liegt. Ich bin erst später darauf gestoßen, als ich meine Hausstrecke so umverlegte, dass ich immer an Philines Geburtsstätte vorbeikomme. Die Nachbarschaft von Perinatalzentrum und Hospiz erinnert mich stets daran, wie nahe sich die existenziellen Erfahrungen von Geburt und Sterben, unermesslicher Freude und unfassbarer Trauer kommen können. Kann man sich besser auf Jerusalem vorbereiten – auf die Stadt des »Hosianna« und »Kreuzigt ihn«, auf die heilige Stadt der drei großen monotheistischen Religionen und den ewigen Zankapfel zwischen ihnen?

 

Das neue Jesus-Buch des Papstes

Mehr Sport im Vatikan!

19. März 2011, Fischers Park

langsamer Dauerlauf

5 km, 30 min

 

Der Papst treibt zu wenig Sport. Das Ergometer, das in seinen vatikanischen Gemächern steht, benutze er aus Zeitgründen nicht, vertraute er in dem Interviewbuch »Licht der Welt« dem Journalisten Peter Seewald an. Schade, ansonsten wäre sein zweites Jesus-Buch bestimmt besser geworden. Ich hatte mich so auf die Lektüre gefreut, weil ich den 2008 erschienenen ersten Band der geplanten Trilogie ganz vorzüglich fand. Er war zwar auch theologisch umstritten, aber mit einer großen Herzlichkeit gegenüber dem Leser und einer feinen Zärtlichkeit zum Sujet geschrieben. In dem jetzt vorliegenden zweiten Band scheint die Absicherung der katholischen Dogmatik im Vordergrund zu stehen, darüber verliert sich die feinsinnige und warmherzige Intellektualität, die den ersten Band so einzigartig machte. Kann man von einem bald 84-jährigen Oberhaupt der weltgrößten Kirche überhaupt erwarten, dass er quasi nebenbei ein Standardwerk zu Jesus schreibt? Er hat sich immer einen Nachmittag in der Woche dafür freigenommen, heißt es aus dem Vatikan. Das ist sehr wenig, wie jeder weiß, der sich selber mal an einem Buch versuchte. Trotzdem: Eine halbe Stunde auf dem Ergometer hätte dem Papst sicher geholfen, Abstand zu gewinnen von seiner absolutistischen Funktion und zurückzufinden zu dem klugen Privatmann und Autor Joseph Ratzinger.

 

Kupferstich zum Erdbeben von Lissabon 1755. Quelle: Wikipedia

Harte Zeiten für Gläubige

15. März 2011, Elbe, Hamburg

lockerer Dauerlauf

10 km, 55 min

 

Wo ist Gott, wenn Naturkatastrophen passieren? Der Frage kann man heute nicht ausweichen, erst recht nicht wenn man an der Elbe läuft und die Containerriesen aus dem Fernen Osten sieht. Als am Allerheiligentag 1755 ein Erdbeben der Stärke 8,5 bis 9,0 Lissabon beinahe vollständig zerstörte und bis zu 100 000 Menschen in den Tod riss, war die Vorstellung, dass wir in der »besten aller möglichen Welten« leben (Gottfried Wilhelm Leibniz), endgültig philosophische Makulatur.

 

Auch heute fragen wir uns: Kann die Schöpfung gut sein, wenn sie Beben und Tsunamis zulässt? Hat Gott nicht nach der Sintflut behauptet, die Menschen nie wieder so zu bestrafen? Es gibt ungezählte theologische Ansätze, dieses Problem zu lösen. Überzeugend ist nur eine Antwort, und die steht schon in der Hebräischen Bibel, in Jesaja 55,8f.:

 

»Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR; sondern soviel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege und meine Gedanken denn eure Gedanken.«

 

Warum ist diese harsche Antwort überzeugend? Weil sie deutlich macht, dass es neben Gottvertrauen gar keinen anderen Ausweg geben kann. Wie sieht denn eine Erklärung für Naturkatastrophen ohne Gott aus? Da bliebe uns ja nur die Möglichkeit, diese achselzuckend als notwendige Banalitäten einzustufen und zur Tagesordnung zurückzukehren. Ganz nach dem Motto Albert Camus': »Warten Sie nicht auf das Jüngste Gericht: es findet alle Tage statt.«

 

Schild im Paradies: Betreten verboten!

Lebensgefahr im Paradies

8. März 2011, Jenischpark, Hamburg

zügiger Dauerlauf

12 km, 57 min

 

Der Jenischpark in Hamburg-Othmarschen (Diashow hier), diese Landschaftsperle mitten in der Großstadt, erinnert mich immer an meine kindliche Vorstellung vom Paradies: abwechslungsreich begrünt, leicht hügelig, mittendrin ein putziges Holzhäuschen mit toller Aussicht. Heute fiel mir zum erstenmal auf, dass dort an einer Stelle auch ein Schild steht: »Betreten verboten! Lebensgefahr!« Ganz so wie in der biblischen Legende mit den beiden Bäumen, von denen man nicht essen soll. Jetzt reizt es mich natürlich enorm, diese angebliche »lebensgefährliche Strömung« in meinem Paradies mal näher anzuschauen. Ist das nicht ein bisschen übertrieben? So ein kleines Flüsschen, diese Flottbek, und dann Lebensgefahr? Irgendwie kann ich Adam und Eva jetzt verstehen...

 

Runde durch den Hamburger Freihafen

Überraschende Gemeinsamkeiten

6. März 2011, HH-Freihafen

langsamer Dauerlauf

11 km, 1:10 h

 

 

Der erste Frühlingstag in Hamburg. Wo läuft man da? Elbe, Alster – alles dicht. Mein Freund B. und ich weichen auf eine Runde im Freihafen aus. Gähnende Leere, wo werktags die Laster langdonnern. Wir laufen allein bei strahlendem Sonnenschein durch die ödesten Gebiete Hamburgs, immer auf dem ungepflasterten Fußweg entlang der Hauptverkehrsadern. Herrlich! B. erzählt mir von seinen Erfahrungen mit Gott und dem Christentum: Da kommen alle skeptischen Argumente auf den Tisch, von kosmologischen Überlegungen über die Jungfrauengeburt bis zu evangelikaler Frömmigkeit und den Missbrauchsskandalen. Ich höre, sammle, warte, bis ich zu Wort komme. Dann erkläre ich meine Sicht der Dinge: dass die Kosmologie für Gott spricht (weil jede andere Deutung des Schöpfungswunders irrationaler ist), dass die Jungfrauengeburt eine legendarische Erfindung nach griechisch-römischem Vorbild ist, dass man Christen und Christentum nicht in einen Topf werfen kann. Am Ende stellen wir fest: Wir sind gar nicht so weit auseinander.

 

 

Elbe, Jenischpark

Ist der Lotse an Bord?

1. März 2011, Elbufer, Hamburg-Othmarschen

ruhiger Dauerlauf
12,5 km, 55 min


Meine Hausstrecke entlang der Elbe führt mich an der Stelle vorbei, wo auf den Containerriesen, die den Hamburger Hafen ansteuern oder verlassen, der Lotse wechselt: Beim Auslaufen geht der Hafenlotse von Bord, der Elblotse kommt. Beim Einlaufen ist es umgekehrt. Das Manöver ist spektakulär: Von seinem kleinen Zubringerboot klettert der Lotse ungesichert außen am meterhohen Schiffsrumpf hoch, hält sich nur an den Sprossen der Leiter fest. Heute hatte ich am Ufer laufend das Glück, dieses Schauspiel zu beobachten.

Als ich weiterlief, fiel mir plötzlich ein Rat ein, den mir am Abend zuvor meine Frau gegeben und den ich zunächst gar nicht beachtet hatte. In diesem Moment wurde mir klar, dass der Rat richtig war: Meine Frau wollte mir in diesem Augenblick ein Lotse für eine bestimmte Wegstrecke sein. Aber ich hatte sie in dem Moment nicht an Bord gelassen.

Auf allen meinen Läufen bete ich das Vaterunser. Meist im Mittelteil der Strecke, wenn ich meinen Rhythmus gefunden und die Beine ihre morgendliche Müdigkeit abgeschüttelt haben. Heute legte ich eine besondere Betonung auf die Bitte »Dein Wille geschehe«. Ich erweiterte die Zeile für mich: »Lass mich die Lotsen, die Du mir schickst, immer rechtzeitig erkennen und ihren Anweisungen folgen.«

Aktuelles

42 Fragen

von Achim Achilles an mich zum Thema (spirituelles) Laufen auf Spiegel Online.

 

Praktische Arbeitshilfe

Burkhard Knipping, verantwortlich für die Männerpastoral im Erzbistum Köln, hat eine kompakte und kostenlose Arbeitshilfe zum spirituellen Laufen zusammengestellt. Download hier.

 

ZEIT-Reportage 

Hier geht's zu einer Story in der ZEIT vom 30. April 2014 über das spirituelle Laufen.

 

Bibel-TV-Interview

Ein 25-minütiges Gespräch über das gleiche Thema mit Wolfgang Severin von Anfang 2015 finden Sie hier.

 

Lesetipps

Mein Portrait des Kirchenkritikers
Sören Kierkegaard
ist im W
ichern-Verlag erschienen.

Mehr Infos in der Webausstellung

 

Vom Skeptiker zum Christen in 42 Schritten - das beschreibt mein (leider nur noch antiquarisch erhältliches) Buch

»Marathon zu Gott«.

Mehr Infos

Herrnhuter Tageslosung

Lasst euer großes Rühmen und Trotzen; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen. (1.Samuel 2,3)
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